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Ein Paradoxon? – Investitionen in Automatisierung und Mitarbeiter
Ein Paradoxon? – Investitionen in Automatisierung und Mitarbeiter 2560 1704 dirkstein

Die zu beantwortende Kernfrage dieses Beitrags lautet: Können oder müssen Investitionen in Robotik und Mitarbeiter Hand in Hand erfolgen?

Das vergangene Jahr 2020 hat für einen deutlichen Auftragsanstieg im Bereich der Automatisierung und digitalen Assistenten in nahezu allen Branchen gesorgt. Die COVID-19-Pandemie hat aufgrund der sozialen Distanzierung neue Arbeitsverfahren erforderlich gemacht.

Das hat dazu geführt, dass sich die Unternehmen vermehrt digitalen Assistenten bzw. Robotern zur Erledigung der betrieblichen Aufgaben zugewendet haben. Investitionen in Technologie und Automatisierung sind in die Höhe geschnellt. Diese „beschleunigten“ Investitionen, kombiniert mit Rezessionseffekten und Entlassungen, betrafen jedoch unverhältnismäßig viele Arbeiter mit niedrigen Löhnen, Frauen und unterrepräsentierte Minderheiten, so die aktuellen Erkenntnisse des Massachusetts Institute of Technology (MIT).

Folgt man Isaac Asimov der sich zu Lebzeiten ausführlich mit der Beziehung von Menschen und Robotern beschäftigt hatte, könnten diese Entwicklungen bzw. die immensen Investitionen in Automatisierung als ein düsteres Zeichen für Arbeitnehmer gewertet werden.  Die Vermutung könnte sein, dass Unternehmen durch den Bau eines „besseren“ Roboters mehr für sein Geld als bei dem Mitarbeiter „Mensch“ bekommt. Das Gegenteil scheint jedoch der Fall zu sein.

„Die Automatisierung schreitet zwar weiter voran, jedoch steigt simultan auch die Wertschätzung für Investitionen in Weiterbildung, Lernen und persönliche Entwicklung für alle Arbeitnehmer an.“

Es gibt eine einfache Erklärung für dieses scheinbare Paradoxon.
Digitale Assistenten bzw. Roboter programmieren sich nicht selbst. Das Management muss Prozesse entwerfen und beaufsichtigen, um digitale Technologien zu nutzen. In den meisten Unternehmen bedeutet das, dass es dringend notwendig ist, Talente in der der eigenen Belegschaft zu fördern und weiterzuentwickeln.

Digitale Assistenten bzw. Roboter sowie andere Formen der Automatisierung erfordern außerdem eine regelmäßige Wartung, Leistungsoptimierung und andere wichtige Maßnahmen zur Qualitätskontrolle. Diese erfordern zudem menschliches Fingerspitzengefühl sowie Urteilsvermögen. In den Führungsetagen nahezu aller Unternehmen ist man sich z.B. des Problems der impliziten Voreingenommenheit (z.B. Rassismus in allen Formen – Beispiel: Apple Kreditkarteneinführung in USA mit Goldman Sachs) die sich beispielsweise in KI-Algorithmen einschleichen kann sehr bewusst. Das führt zu der Notwendigkeit, dass Menschen die digitalen Technologien proaktiv überwachen und bei Bedarf umgehend korrigieren müssen.

Es ist jedoch auch Teil der Wahrheit, dass Automatisierung in Form von digitalen Assistenten bzw. Robotern mit künstlicher Intelligenz mehr Aufgaben vom Menschen übernehmen werden. Das gilt jedoch nahezu ausnahmslos für Routineaufgaben sind, die wiederholbar und regelbasiert sind. In vielen Fällen wird das bedeuten, dass die Automatisierung Teile von Arbeitsplätzen ersetzt: Laut McKinsey könnten bis 2030 „rund 15 % der weltweiten Belegschaft oder etwa 400 Millionen Arbeiter durch Automatisierung ersetzt werden.“

Automatisierung wird es den Unternehmen ermöglichen die eigene Leistungsfähigkeit zu erhöhen und gleichzeitig werden Unternehmen ihre Mitarbeitenden weiterbilden. Denn Automatisierungstechnologie muss geplant, umgesetzt, betrieben sowie überwacht werden.

Beschleuniger der betrieblichen Weiterbildung: Der Fachkräftemangel
Ein Unternehmen hat zwei Möglichkeiten, seine Fach- und Führungskräfte auszubauen. Die erste Strategie besteht darin, Talente aus Hochschulen oder hochqualifizierte Mitarbeiter aus anderen Unternehmen in das eigene Unternehmen zu holen.

Die zweite Strategie besteht darin, intensiv in die Aus- und Weiterbildung der eigenen Belegschaft zu investieren. In der der Vergangenheit haben Unternehmen in den meisten Fällen die erste Strategie verfolgt und umgesetzt, denn diese Strategie als alleinige Lösung wird zunehmend wirkungslos werden.

Talente für die Digitalisierung sind rar. Eine Studie von Korn Ferry hat ergeben, dass bis zum Jahr 2030 der weltweite Mangel an Talenten für die Digitalisierung mehr als 85 Millionen Menschen erreichen könnte. Computer- und IT-Berufe werden im nächsten Jahrzehnt wahrscheinlich viel schneller wachsen als der Durchschnitt anderer Berufe.

Dieser Mangel wird im Wesentlichen durch die Trendthemen Cloud Computing, Big Data, Künstliche Intelligenz und Informationssicherheit getrieben. Die Korn Ferry Studie wurde vor der COVID-19 Pandemie durchgeführt, dadurch sind die durch COVID-19 erhöhten „beschleunigten“ Investitionen noch nicht erfasst. Deshalb wird sich der Mangel an Talenten für die Digitalisierung sicherlich noch beschleunigen und die diesbezüglichen Löhne und Gehälter als logische Folge deutlich ansteigen lassen.

Das bedeutet, dass Arbeitgeber eine bessere Lösung zur Gestaltung der Digitalisierung aus HR Sicht benötigen. Viele Unternehmen wenden sich zusehends der zweiten Strategie zu, der Investition in die Fähigkeiten der eigenen Belegschaft, um in einer zunehmend digitalen Welt relevant zu bleiben. Denn für viele Unternehmen ist die nachfolgende Erkenntnis immer klarer: Traditionelle Bildungs- und Arbeitskräftesysteme, in denen z.B. Hochschulen Studenten ausbilden und ihnen ein Fundament an Wissen und Fähigkeiten das ein Leben lang hält ist nicht mehr realistisch.

Stattdessen müssen Arbeitgeber angesichts der rasanten Digitalisierung und Automatisierung von Unternehmen auch selbst für Bildung und Weiterbildung sorgen. Dieser Weg der zweiten Strategie ist nicht nur erschwinglicher und vertretbarer – er ist auch strategischer und berechenbarer.

Wenn Unternehmen ihre Mitarbeiter aktiv aus- und weiterbildet und diese Bemühungen vollständig in seine Strategie einbezieht, ist es weniger wahrscheinlich, dass es von breiteren technologischen bzw. disruptiven Veränderungen überrascht wird. Das schafft mehr Stabilität sowie organisatorische Resilienz. Unternehmen müssen nicht immer neue Mitarbeiter für neue Aufgaben rekrutieren, weil Sie über eine sich ständig adaptiv lernende Belegschaft verfügen.

Fazit
Die größeren Unternehmen haben die strategischen Vorteile der Höherqualifizierung für ihre Mitarbeitenden erkannt. Generell zeichnet sich eine Zweigleisigkeit von Investitionen in Weiterbildung und in neue Technologien ab. In den USA haben sich laut MIT die Weiterbildungsbudgets überwiegend erhöht oder sind konstant geblieben.  Diese Investitionen beziehen sich nicht nur auf die technischen Fähigkeiten, um mit diesen neuen Technologien zu arbeiten, sondern auch auf Fähigkeiten wie kritisches Denken oder Kommunikation (Stichwort: Future Skills), die sich oft nur durch umfassende Studiengänge (Existenzberechtigung der Hochschulen!) und nicht durch Kurzschulungen entwickeln.

„Vieles deutet darauf hin, dass sich der Mensch nicht vor den neuen digitalen Assistenten bzw. Robotern fürchten muss. Stattdessen investieren die klugen und strategisch denkenden Unternehmen gleichzeitig in den Menschen -also in ihre Mitarbeiter-, um den weiteren Fortschritt und die Zukunftsfähigkeit von Staat, Wirtschaft und Gesellschaft voranzutreiben.“

Dies sind einige der Gründe, warum Robotik bzw. digitale Assistenten keine Vorboten von etwas Negativem sind und es keinesfalls paradox ist in Automatisierung und Mitarbeiter parallel zu investieren. Es gilt also der Leitgedanke: Sowohl als auch.

Herzlichst
Ihr Dirk Stein


Literaturhinweis: Für diesen Beitrag wurde u.a. vom MIT Sloan Management Review der Artikel „A Paradox No More: Investing in Automation and People“ herangezogen und ergänzt.